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IBA Stuttgart 2027: Backnang West
location: Backnang, Germany
project: 2020, competition entry, final selection

 

 

Wir lernen aus Krisen, globalen oder persönlichen, wertzuschätzen, was verloren gegangen ist oder gehen könnte.

Die Wohnungsbaukrisen, das Infrage stellen des politischen Modells der westlichen Welt, die Weltwirtschaftskrise 2008, der Klimawandel und eine globale Pandemie sind Gefahren, denen wir alle ausgesetzt sind. Wir blicken zurück, um Werte und gute Lösungen zu finden und freuen uns auf den Wandel zum Besseren. Auf Grundlage der Erfahrungen mit diesen Themen haben wir als Gesellschaft unser Handeln zu überdenken.

Es stellt sich die Frage nach einem veränderten Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen, der Wirtschaftsform, der Lebensmittel- und Energieproduktion, dem Handwerk, dem Verkehr, dem Wohnen und Leben.

Das Projekt reflektiert diese Fragestellungen wie auch den jeweiligen Stand der Entwicklung. Der Ansatz soll als ein resilientes Programm verstanden werden, das es auf die tatsächlichen Lebensbedingungen der kommenden Generationen anzupassen gilt, und insofern nicht eine abschließende Antwort darstellt.

Zu allererst stellt das Projekt eine Verbindung zur historischen Altstadt und der neuen Entwicklung an der Oberen Walke her. Es strebt eine gegenseitige Ergänzung dieser drei verschiedenen Stadtteile an, die gemeinsam mehr können und so ein ausgewogeneres Leben ermöglichen. Das Rückgrat dieser Entwicklung ist die “Productive Road”, die nicht nur Teile miteinander verbindet, sondern durch die an sie angelagerten Nutzung zum Lebenskern der Stadt und Ihrer Quartiere wird. Die immer wieder abknickende Linie zieht schon heute die Menschen an und wird durch Ihre Lage auch in Zukunft Stadt begründende Funktionen wie neue und saubere Produktion anziehen. In Ihrer städtischen Form steht sie dabei im Kontrast zu der durch die Stadt mäandernden grünen Murr, die große städtische Grünflächen miteinander verbindet. So generieren diese beiden sich kreuzenden Helices sich gegenseitig ergänzend einen genetischen Citycode, die DNA von Backnang.

Dieses Rückgrat enthält lebendige Freiräume bestehend aus historischen und zeitgemäßen Elementen. Der Erhalt von bestehender Substanz hat dabei viele Gesichter. So zum Beispiel den Erhalt von Form und Funktion, wie am am Beispiel des Technikforums zu sehen. Oder aber neue Funktionen in alter Haut, wie es an der heutigen Sportschule Samurai, dem von uns “Tempel” getauften Gebäude geschehen soll, wo in prominenter Lage Kultur neu aufleben wird. Wieder eine andere Erscheinung ist die Transformation mit Reduktionen und Erweiterungen, wie sie der komplexen Gebäudestruktur im Quartier 6B neues Leben einhauchen soll. Hier wird ein von der Nutzung gemischter Baukörper entstehen, der sowohl Wohnen als auch Gewerbe ermöglichen wird. Daneben gibt es aber auch Relikte, die in Gänze erhalten und weiter genutzt werden, wie die dominanten Gastanks im Murrbogen von Quartier 3.

Dank unterschiedlicher Qualitäten und Bedarfe können all diese Bauten als Gedächtnis der Stadt die Bewohner wie auch Besucher durch die Stadt und ihre Geschichte führen. Manche von ihnen können auch als temporäre Übergangsräume dienen, bevor eine Entwicklung abgeschlossen ist. Alle von ihnen aber begründen eine Identität am jeweiligen Ort.

Gleichzeitig berücksichtigt das Projekt auch neue Gebäude und alle neuen Bürger mit verschiedensten kulturellen Hintergründen, Nationalitäten, Altern und Einkommen. Es gibt Alleinstehende und Familien, die Wohnungen von Bauträgern kaufen. Es gibt private und öffentliche Wohnungsbaugenossenschaften, die sich für unkommerzielle Wohnräume einsetzen. Es gibt auch Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind und ein Zuhause in einer der staatlich oder privat errichteten Sozialwohnungen finden können.

Diese unterschiedlichen Bewohner ermöglichen eine große Diversität an Wohn- und Wohnungstypologien vielfältigster Qualitäten. Zusätzlich stechen neben den Wohnungen für Familien und Co-Living Angeboten die außergewöhnlichen Beispiele der IBA-Häuser hervor. Diese Gebäude, nah am Fluss im häufig überfluteten Bereich, fordern Architekten heraus, neue Ideen zu suchen und Lösungen für die Probleme zu finden, die mit dem Klimawandel immer mehr in den Fokus rücken. Der experimentelle Charakter dieser Häuser wird nicht nur für die Bewohner, sondern für alle eine Bereicherung sein, die diese als Beispiel für eigene Bauvorhaben nehmen können. Auf diese Weise werden sie Teil einer globalen Forschung nach neuen resilienten Strukturen sein, die sich mit den Problematiken des steigenden Meeresspiegels, unvorhersehbarer Wetterbedingungen und dem Zusammenleben von Mensch und Natur beschäftigen. Jede Wohneinheit hat Zugang zu privaten und semi-privaten Freiräumen in Form von Gründächern, Balkonen und großzügigen Terrassen. Alle neuen Gebäude sind dank einer Geschosshöhe von 3,5m und 4,5m, Säulenstrukturen und einer intelligenten Platzierung der Kerne variabel umbau- und -nutzbar für neue Grundrisse und Funktionen. Das System von Photovoltaik-Panels auf nahezu Nullenergiehäusern ermöglicht es den Bewohnern, die überschüssig produzierte Energie im Nachbarschaftsnetzwerk mittels einer Blockchain-Technologie zu teilen und gemeinsam zu nutzen. Darüber hinaus hilft die aus der Sonne gewonnene Energie Heiz- und Kühlsystemen, die Abwasser, das Erdreich, Luft oder Produktionsemissionen nutzen, die Raumtemperaturen anzupassen.

Die Menschen werden wieder mit der Natur und ihren Limitierungen verbunden und die Stadt wird zum Fluss hin geöffnet.

Während der Stellenwert der Wohnung steigt und das Homeoffice die Ansprüche der Menschen an die Behaglichkeit und Nutzbarkeit ihrer Lebensräume verändert hat, bietet die Stadt aufgrund des ökonomischen Wandels von linearen Industriesystemen hin zu einer Kreislaufwirtschaf nach wie vor viele Funktionen in ihren Erdgeschossen. Dies bringt den gesamten Prozess von Produktion oder Lebensmittelversorgung zum Vorschein, was wiederum das Bewusstsein der Menschen über Konsum, Arbeit und Abfall stärkt. Letzteres fungiert in dem neuen Modell als wertvolle Ressource, die die Wirtschaft, die wir kannten, nachhaltig in eine saubere und regenerative Richtung verändert.

Startups, verrückte Erfinder, unabhängige Roboter, Reparatur- und Recyclingwerkstätten können um die “Productive Road” herum gefunden werden, die sich durch die gesamte Stadt zieht. Im lokalen Handelszentrum teilen sich Unternehmer Dinge wie High-Tech Maschinen, Anlagen und Räumlichkeiten, was Synergien fördert. Das Metabolic Village stellt einen großartigen Raum für Experimente und urbane Produktion dar, hier könnten größere Maschinen untergebracht werden.

Teilen und Teilhabe ist nicht nur im Wohnen und Arbeiten sichtbar, sondern auch im Verkehr. Dank strategisch verteilter Mobilitätsstationen und Parkhäusern teilen sich die Bewohner Fahrräder, Roller und Autos. Die Quartiersgaragen funktionieren in Schichten, abends und nachts für die Menschen, die in der Nachbarschaft wohnen und tagsüber für diejenigen, die zu Arbeiten dorthin kommen. Die geplanten Parkhäuser können in der Zukunft aufgrund der leicht anpassbaren konstruktiven Strukturen umfunktioniert werden und so neue Funktionen erhalten oder abgebaut und an einem anderen Ort auf der Welt wieder aufgebaut werden.

Das Projekt benutzt das Gelände nicht als Carte Blanche für utopische Ideen eines Architekten. Viel mehr ist es eine Eutopie, die nach der besten Lösung aus dem gesammelten Wissen sucht, auf Gebautes aufbaut und sich seiner aktuellen Grenzen bewusst ist.

 

 

architect:
ANALOG PLUS, COQUI-MALACHOWSKA-COQUI, YELLOW ZET
Analog plus team:
Artur Górski, Katarzyna Gromek, Aleksandra Milanowska, Elżbieta Zdebel, Michał Czeszejko-Sochacki, Mateusz Modzelewski